Widerstand

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Widerstand - Isla volante

Widerstand – Isla volante

Ich weiß nicht, ob sich das Meer konzentrieren kann, ob es manchmal verzweifelt versucht, seinen eigenen Willen durchzusetzen, ob es seit Urzeiten darüber nachdenkt, warum es immer wieder der Anziehung und Abstoßung durch den Mond folgen muss, aber es gefällt mir, zu glauben, das Meer übe sich lebenslang im Widerstand.

 

Verregneter Novembernachmittag

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Ein verregneter Novembermittag. Du gehst mit den Kindern auf den Markt. Sie packen ihre Stände zusammen, aber vorher verkaufen sie dir ein Brot, drei Paprika (das Rot und das Gelb, Grün der Kittel der Verkäuferinnen, rot-weiß die Markise und kein Geruch, nicht einmal der nach Regen, aber auch keine Kälte. Beweglich die Hände, die Augen und Gedanken. Das Klimpern des Geldes, die Augen der Kinder und die Weichheit ihrer Schritte), etwas Fleisch. Und wie damals (wie immer schon) bekommen die Kinder eine Scheibe Fleischwurst. Sie werden gefragt und sagen klar und deutlich ja. Dann geht ihr weiter durch den Regen und die Zeit geht mit. Ab und zu schwappt ein „Weißt du?“ an deine Ohren und dir ist klar, dass du längst nichts mehr weißt. Die Zeit ist vorbei als es noch gut und böse gab, richtig und falsch. Alles, was du jetzt von dir gibst, sind Vermutungen, Regeln, die du selbst längst nicht mehr beherrscht.

Viel später dann: Die Dunkelheit und Kälte draußen. Der Lärm und das Leben auch. Sitzt du in einem kleinen warmen Zimmer. Holzboden, schlichte Wände, Tisch und Stuhl. Dass einem so warm werden kann und behaglich. Ganz alleine. Und die Hoffnung heftet sich an das Vergessen. Und die Erinnerung daran. Der Oktoberklang unserer Nachmittage.

November

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Der König erhebt sich und springt

In den November Nebel

In dem ich sitze und nach Erinnerungen suche

Sachen wie Tautropfen auf Spinnenweben

Und blanke Äste die aus dem Nebel plötzlich

Nach mir greifen. Statt dessen der Kalender

Mit den Jahrestagen und wie die

Feuchtigkeit die Schrift verwischt.

Wir kommen aus dem Wasser

Sagt der König

Er ist freundlich

Er verbeugt sich

Bevor er untertaucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heinz Bude – Gesellschaft der Angst

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Als ich das erste Mal von Heinz Budes „Gesellschaft der Angst“ hörte, habe ich erwartet mit Hilfe dieses Buches zu erfahren, wie Angst strategisch als Machtinstrument sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich genutzt wird.

Die erhofften Hintergründe dazu, wie Wirtschaft und Politik sich die Existenzangst des Einzelnen zunutze machen, um Arbeitnehmer und Bürger unmündig in ihrer Ohnmacht zu halten, ist mir das Buch schuldig geblieben. Bude liefert stattdessen eine gründliche Analyse vom Umgang mit der Angst in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Das Prinzip Angst ist kein Machtinstrument bestimmter Klassen mehr, es ist längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden.

Anne Carson, Wasser

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Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen, und die Frage, ob es diese Aggregatzustände beim Menschen auch gibt.

Ein Stamm, eine Volksgruppe, die ihre Anlagen aus bislang nicht nachvollziehbaren Gründen, verbrannten, immer wieder, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, wird – aus genau diesen Gründen – für religiös gehalten, schreibt Carson, und ich kann nicht umhin das auch, gerade im aktuellen Kontext, als zutiefst sarkastischen Kommentar zum Zeitgeschehen, oder vielmehr zur „Anthropologie“ zu lesen.

 

Anthropologie des Wassers wäre demnach auch so etwas wie der Versuch herauszufinden, was Wasser und Mensch gemeinsam haben, wo der Mensch wie Wasser ist, und wo das Wasser menschlich erscheint. Wiederum wie in diesem Satz über die Hoffnung der Pilger.

Was erhofft sich das Wasser?

Weiterhin frei von jeder Hoffnung zu sein?

Meeresboden

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Meeresboden - Isla volante

Meeresboden – Isla volante

Nichts geschieht von selbst, oder alles, und es ist allein mein Wille, der sich dem entgegenstellt. So wie der Meeresboden, der es ernst meint. Die Frage, wie es sich mit dem Licht verhält. Ist Licht mehr als ein Widerspruch zur Dunkelheit?

Stimmen, die einander Worte zurufen, Laute, die auf Erinnerungen stoßen, bevor sie ihr Ziel erreichen, straucheln, die Orientierung verlieren, fallen.

Vielleicht fällt Licht auf das gefallene Wort. Den Meeresboden erreicht es nie.

Umdrehen

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Eine Verschwiegenheit lag in der Luft, verschloss Fenster und Türen vor dem Geflüster, das sich sehr langsam, sehr vollständig über alles legte, was bewegungslos war. Die Vögel flohen vor dem Geflüster in den Bäumen, die nächtlichen Schatten standen unruhig vor den geschlossenen Fenstern.

Am See, am kleinen Weiler am Dorfrand, dort wo letztes Jahr ein Mann von dem niemand viel mehr als den Namen wissen wollte, ins Wasser gegangen war, stand sie, flocht ihre Zöpfe, wartete darauf, dass die Wolken den Mond freigaben.

Wartete vielleicht auf Erlösung, auf das Schweigen der inneren Stimmen. Im schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Gesicht. In jeder Falte eine Erinnerung und niemand außer ihr, der sich besinnt. Ihr Gesicht war unterteilt in mehrere Schichten, Geschichten, in denen sie mehr oder weniger eine Rolle gespielt hatte. Vergangene Geschichten, die nie vollständig vergehen. Tut es weh, wenn du dich umdrehst?

Was für eine Frage. Natürlich tut es weh.

Niemals hätte sie sich umgedreht, dumm und schmerzunempfindlich wie Lots Frau, wie Orpheus.

[Matrix 33-34, 2013]

 

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