22. Dezember

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Auf einmal sind unsere Gesichter faltig. Die Haare dünn. Vielleicht ist da noch ein gewisser Glanz in den Augen, eine Anmut in den Zügen, aber das Alter hat deutlich Besitz von uns ergriffen, spielt sich in den Vordergrund, dominiert alles.

Alt ist meine zarte Haut geworden

und weiß die schwarzen Haare,

schwer die leichten Knie,

die früher tanzen konnten wie Rehe

Sappho, 58. Fragment

21. Dezember

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„Man könnte sich vorstellen, dass diese Fotografien eine Art Gedächtnis verkörpern, eine Art Erinnerungen bilden, nur ohne das „Ich“, von dem die Erinnerungen normalerweise ausgehen, und daraufhin stellt sich natürlich die Frage, was sie bedeuten.“

Wieder Knausgard, Spielen.

Unheimlich ist das, was wir wissen, obwohl wir keine Ahnung davon haben. Was wir nicht wissen können, wovon wir mit Recht behaupten, keinen blassen Schimmer davon zu haben, und doch spüren wir es. Irgendetwas in unserem Körper, (unserer Seele?) weiß es. Diese wiederkehrenden Vorstellungen von einer ganz anderen Frau, die meiner Mutter nicht im geringsten glich, und doch mit einer unumstößlichen Sicherheit nicht anders als eben als meine Mutter vorstellbar war. Das Gefühl, dass etwas sehr schlimmes geschehen war, quasi genau in dem Moment, wo Großmutter gestorben war, ohne dass irgendjemand so schnell schon die Gelegenheit gehabt hätte, mir das mitzuteilen.

Das Ende der Kindheit und wie sie dann doch weitergeht.

 

20. Dezember

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Die Zeit: eine Kröte, die dich schluckt.

Stay heißt stehen sagt mein Kind, das noch die Fähigkeit hat, lautmalerisch zu übersetzen. Über zu setzen von einem Ufer ans andere, tragbare Stege voll Übermut und blühender Güte. Später dann trägt die Erkenntnis dick auf und keine Brücke hält, es gibt keine leichten Überfahrten, nur schwer verschlungene Wege, die meisten Schritte unverdaut. Später hält dich etwas in Atem. Alles bleibt wie dieses Herauswachsen aus dem Mutterleib. Aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Etwas symbiotisch Verbundenes sprach uns aus.

Und das, was außen herum passiert, die Angst vor Pegida und die Geschichten, die dagegen erzählt werden. Oder Menschen, die statt zu reden, etwas tun, Spendengelder sammeln, Gedankenkisten packen.

19. Dezember

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Die Normalität auf den alten Fotos. Kindheitsfotos. Aber. Es war nichts normal. Es war nicht normal, dass meine Eltern so verhältnismäßig alt waren (ich kann mich noch an dieses Gefühl erinnern, dieses Loch in das ich gefallen bin, nachdem mich ein Kind in der Grundschule gefragt hatte, ob das meine Oma sei, die mich immer nach der Schule abholte. Und dass ich mir von all den Geschichten, die es in der Sesamstraße gegeben haben muss, nur eine gemerkt habe, nur diese eine, in der ein Kind nach der schönsten Frau der Welt sucht, und als es sie dann findet, sieht man eine alte hässliche Frau, aber es ist seine Mutter.

 

Ebenso wenig normal war, dass mein Vater ständig weg war, krank, in Kuren, im Krankenhaus.

Nicht normal mit fünf im Ehebett der Eltern zu liegen, auf die angsteinflössenden Vorhänge zu starren und aus dem Wohnzimmer die Stimme der Mutter zu hören: K. ist tot.

 

Nicht normal mit neun Jahren die Schnapsflaschen der Mutter in den Ausguss zu kippen und mit Leitungswasser aufzufüllen, Schnittchen für ihre Geburtstagsgäste zu schmieren, weil sie dazu nicht mehr in der Lage war.

 

Aber es gab sicher auch vieles, das normal war. Wir waren sicher keine außergewöhnliche Familie. Nicht auf den ersten Blick. Nicht mehr als jede andere auch.

 

18. Dezember

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Natürlich beschreibt Knausgard auch das Elternsein mit einer unerhörten Aufrichtigkeit. Diese zwei Seiten; die unendlich liebevollen Gedanken und die eigenen Grenzen, die im alltäglichen Umgang so schnell erreicht sind.

Es ist eine Sache, die Widersprüchlichkeiten auszuhalten, die unser Leben durchziehen. Bestimmen. Eine andere, sie auszusprechen. Aufzuschreiben. Und noch einmal etwas ganz anderes, sich wirklich tief in sie hinein zu begeben.

Ich habe damals beides nicht ausgehalten, nicht die Kinder abzugeben, in eine Kita, zu einer Tagesmutter, und nicht, sie den ganzen Tag zu versorgen, zu umsorgen, für sie da zu sein. Drei Jahre lang. Dann kam der unvermeidliche Kindergarten. Unvermeidlich für beide Seiten. Für mich genauso wie für sie. Und trotzdem war es natürlich ein Verrat. Und auch das war beiden Seiten bewusst.

“Putzen, Waschen, Essen kochen, spülen, einkaufen, mit den Kindern auf dem Spielplatz tollen, sie hereinholen und ausziehen, sie baden, sie beaufsichtigen, bis sie ins Bett müssen, sie zu Bett bringen, Kleider zum Trocknen aufhängen, Kleider zusammenfalten und in Schränke legen, aufräumen, Tische, Stühle und Schränke abwischen. Es ist ein Kampf, und auch wenn er nicht heroisch ist, wird er doch gegen eine Übermacht ausgefochten, […]”

Bei Ulrike Draesner klingt das so:

“putzen staubsaugen rotz abwischen geschürftes knie/bauch streicheln zum einschlafen oder wenn er wehtut/ein bettlied singen vorlesen die beine spreizen empfänglich/ und tröstlich sein die wäsche in die trommel stopfen/ schamhaare aus dem abfluß fischen zum zehnten mal/ den klodeckel schließen die gesamten becher der familie/ auf der spülmaschine abgestellt in die maschine räumen/ fluchen aber unhörbar an die erziehung des mannes […]”

Und beides trifft nicht nur meine Lebenswelt, sondern vermutlich die von 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung. Man nennt es Alltag. Nicht weiter erwähnenswert. Nichts desto weniger: ein Kampf.

 

17. Dezember

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Mit ziemlicher Sicherheit bezieht sich Knausgard auf dieses Bild Rembrandts, wenn er schreibt: “[…] dieses eine Bild in der National Gallery ist einen Hauch klassisch realistischer und wirklichkeitsnäher gemalt, steht dem Ausdruck des jungen Rembrandt näher. Was das Bild jedoch darstellt, ist der Alte. Es ist das Alter. […] Doch die Augen sind klar, wenn auch nicht jung, so doch außerhalb der Zeit stehend, die dieses Gesicht ansonsten prägt.”

Natürlich muss ich sofort an Peter Kurzeck denken, der ein großer Verehrer Rembrandts war, immer wieder taucht Rembrandt in seinen Büchern auf. Und die Sache mit den Augen erinnert mich an dieses Video, das ich im Heinz Nixdorf Museum gesehen habe, in dem ein Mensch im Zeitraffer gealtert ist, und wie ich da dachte, dass es eigentlich nur die Augen sind, die mich erkennen lassen, dass es derselbe Mensch ist, alle Altersstufen hindurch. Knausgard geht noch weiter, er behauptet: “Das im Menschen, was die Zeit nicht anrührt und woher das Licht in den Augen kommt”, sei eben die “Seele”.

Ich habe es natürlich nicht durchgehalten, “Sterben” erst in Berlin anzufangen, erst wenn die ausstehenden Arbeiten erledigt sind. Und ich könnte jetzt noch seitenlang schreiben, über diese Lektüre, darüber wie er den Kampf beschreibt, der das Leben ist, von dem vielleicht nur die Augen unberührt bleiben. Aber das verschiebe ich auf morgen.

16. Dezember

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Die Zeit. Und wie gekrümmt sie manchmal vergeht.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, ziehen all meine Versäumnisse an mir vorbei. Ohne dass ich mich wirklich darauf einlassen kann, ohne dass ich mir wirklich vergeben kann.

Je mehr sich die einzelnen Teile zusammenfügen, um so eher verteile ich sie erneut, zersplittere sie zusätzlich.

 

„Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist. Niemals ist der Wahrheitsanspruch entscheiden dafür, ob das Gedächtnis ein Ereignis richtig oder falsch wiedergibt. Entscheiden ist der Eigennutz. Das Gedächtnis ist pragmatisch, hinterhältig und listig, allerdings nicht in feindseliger oder boshafter Weise; es tut im Gegenteil alles, um seinen Wirt zufriedenzustellen. Manches verschiebt es ins leere Nichts des Vergessens, manches verdreht es bis zur Unkenntlichkeit, manches versteht es galant falsch, manches, und dieses manche ist so gut wie nichts, manches bleibt ihm scharf, glasklar und korrekt in Erinnerung. Doch zu entscheiden, was korrekt in Erinnerung bleiben soll, ist dir niemals vergönnt.“ Während ich dieses Zitat von Karl Ove Knausgard abschreibe, überlege ich, welches Bild Pagophila dazu gefunden hätte.

 

Wie viele Menschen jetzt schon gestorben sind. Heraus gefallen aus meiner Zeit. Und die Lücken wuchern zu mit den Jahren, mit unbelebten Stunden und Versäumnissen.

 

15. Dezember

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Während ich ein Interview mit Ulrike Draesner lese, (für die Subsong Besprechung, die schon lange überfällig ist), wird mir eine sehr willkommene Nebenwirkung der Knausgard Lektüre offenbar.

Meine ersten ernsthaften erwachsenen Schreibveruche, kommentierte S. mit der Einschätzung, dass das ein Niveau sei, das ich unmöglich durchhalten könne. Etwas, das mich damals entmutigt hat, weil ich es nicht verstanden habe. Heute begreife ich, er hatte Recht. Das sehr anspruchsvolle, hoch verdichtete und poetische, gehört ins Gedicht, in kurze Texte, nicht in einen langen fließenden Prosatext, wo es sowohl Leser als auch Autor überfordert.

 

Vor dem Fenster spricht C. geduldig mit dem kleinen Mädchen, das erst kürzlich in unsere Straße gezogen ist. Als wir selbst hier her zogen, war C. noch ein kleines Mädchen, ein Kind.

Ich selbst wäre gern wieder Anfang vierzig, Mitte dreißig. Schwieriger schon, mir vorzustellen, wieder 26 zu sein. Alles magische Alterstufen für mich. Wendepunkte. Aber ob ich wirklich noch einmal jung sein möchte? So ganz unerfahren anstrengend jung?

Mary Baumeister sagt in diesem Interview, dass ihr ihr Körper langsam lästig wird, und das wäre auch gut so, weil sonst ja niemand sterben wollte. Genau den Satz hat vor einigen Monaten meine Ärztin mir gegenüber gesagt.

Ab einem gewissen Alter wäre Leben also eine Einübung, ein Weg zu einem Einverständnis mit dem eigenen Tod.

14. Dezember

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Gestern während der langen Autofahrt zum Auswärtsspiel der Jungs vollkommen überrascht, wie viel Farbe die Natur Mitte Dezember noch aufbieten kann, gelbe Felder, rotes Laub, grüne Rasenflächen, und natürlich das unvermeidliche Grau.

 

Morgens, noch vor der Fahrt, die letzten Seiten von „Spielen“ gelesen.

Neben all dem, was völlig zu Recht in den Besprechungen über Knausgard erwähnt wird, ist es seine Geduld mit sich selbst, die mich beruhigt und die Tatsache, dass er sich nicht beurteilt, nur mit einer bewundernswert mutigen Aufrichtigkeit beschreibt, die mich so für ihn einnimmt, die mich so in einem Buch verschwinden lassen, wie mir das schon sehr lange nicht mehr beim Lesen passiert ist.

Das Schönste ist aber, dass Knausgard mir Mut macht, auszusteigen, nicht mehr dem hinterher zu laufen, was ich so lange als richtungsweisend angesehen habe, gerade weil ich dem Ganzen intellektuell nicht gewachsen bin. Dieses Dazugehörenwollen endlich aufgeben zu können.

 

13. Dezember

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Schweigen, das ist ja etwas grundsätzlich anderes als Verstummen.

Du hörst Stimmen, die etwas anderes verwenden als Sprache.

 

Ein Blog, daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern, wobei Sichten und Ordnen und natürlich fortlaufend sehr gute Verstärker sind, ist ein Ort, an dem man sich langsam über etwas klar werden kann, ein Platz an dem Fehler gemacht werden dürfen, an dem gescheitert und geirrt werden darf.

 

Aber auch ein Ort, an dem ich über Dinge reden kann, für die ich sonst vielleicht keine Zuhörer finde.

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