Geduld, Geschichten, Alphabet

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Die Geschichten, die fern bleiben, die Umrisse, die ich verwische, die Sehnsucht nach dem Meer, an dem der Horizont mit dem Wasser verschmilzt. Das Feststehende mit dem Beweglichen.

Es ist nur der Körper, so sagt man, der stirbt. Das Fleisch, das immer haltloser wird, verfällt und verfault. Die Energie, die sich schließlich ganz vom Körper gelöst hat (oder ist es der Körper, der sich mit Hilfe des Alters Stück für Stück von der Energie entfernt hat?), überlebt. Befreit wird sie wieder Teil einer großen allumfassenden Energie, in der es all diese beschwerlichen Unterscheidungen nicht gibt (jung und alt, männlich und weiblich, gesund und krank).

 

Was aber, und diese Frage taucht immer wieder auf, hat Geduld mit all dem zu tun? Oder ist Geduld nichts anderes als die Kraft, die man benötigt, um die Widerstände auszuhalten?

Dranbleiben, weitermachen, das eigene Scheitern immer wieder überwinden, sich auf Anfang und Ende einlassen, statt sich immer tiefer verschlingen zu lassen von den Spiralen, die immer tiefer in das Zentrum eines undefinierbaren Kreises führen. Weil die Antworten mit dem ersten Buchstaben des Alphabets am Anfang stehen und am Ende, mit Z, die Zweifel (der Zorn?).

 

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost

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Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost - Isla volante

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost – Isla volante

Die kleine Frau steht am Ufer. Verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Aber es hilft nichts. Sie findet den Rhythmus der Wellen nicht. Diese Kraft, die aus vielen winzigen Einzelheiten eine bedeutsame Bewegung macht.

Sie hat ihre Einsicht ins Meer geworfen und auf dessen Umsicht vertraut. Das Meer aber hat ihre Einsicht einer einsamen Flaschenpost vermacht.

Erst muss man alle Hoffnungen verlieren, dann erreicht einen eine verwaschene Botschaft wie eine Welle, der man sich getrost überlässt.

Erlösung

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Nach und nach sind die Personen aus ihren Gedanken verschwunden. Die Geschichten wurden zunehmend körperlos. Leer, wesenlos. Wie etwas, das sich keine Sehnsucht erlaubt, weil es überall Zerstörung sieht ohne sie zu begreifen.

Sie hat die Regeln vergessen. Das, was den Spielen zwischen den Menschen die Leichtigkeit verleiht.

Was bleibt sind die Bücher. Die somnambulen Gestalten der Duras.

Frauen, die so langsam sprechen als hätten sie ihr Gedächtnis verloren.

Männer, die erschöpft vom Alleinsein, weinen.

Plötzlich weiß sie es wieder. Es geht darum, zu erfahren, was sie sich wünscht. Und zu begreifen, dass es niemals zu erreichen ist. Diesen Widerspruch zu erkennen und auszuhalten, das ist die Erlösung.

Wolfgang Herrndorf

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Gestern in der Zeit Vorabdruck und Besprechung des Romans, den Herrndorf nicht mehr zu Ende schreiben konnte. Isa hat er ihn in seinem Blogtagebuch genannt, dann hat er sich für den Titel „Bilder deiner großen Liebe“ entschieden.

Er war so fasziniert von seiner Figur, von der in Tschik nur kurz auftretenden Isa, dass er weitermachen musste, wie Salinger, der immer wieder von der Familie Glass schrieb.

Isa das verrückte Mädchen von der Müllkippe. Wer, wenn nicht Herrndorf, dürfte über Verrückte schreiben, darüber wie es sich anfühlt, wenn der Wahnsinn wieder näher kommt und von der Sehnsucht davor zu fliehen, frei zu sein.

Klar ist das Scheiße den persönlichen Hintergrund des Autors in die Lektüre einfließen zu lassen. Vermeiden lässt es sich trotzdem nicht.

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Massaker fällt der Schrei der Getöteten und bis heute Verfolgten, in China nicht nur auf taube, sondern auf verwunderte Ohren

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Gestern abend habe ich versucht Thai Chi zu lernen. Die “Lehrerin” war eine Chinesin, die auch immer wieder viel zu der Bedeutung der einzelnen Bewegungen und darüberhinaus zur Weisheit der chinesischen Medizin erzählt hat. Dass dieses Land so voller Widersprüche ist, auf der einen Seite eine große Weisheit, von der wir noch weit entfernt sind, und auf der anderen eine grausame politische Haltung, ist schwer zu begreifen, aber nicht weniger wahr. Bis heute werden Menschen weggesperrt, wenn sie versuchen an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 zu erinnern. Davon handelt das Buch von Liao Yiwu, das ich für Fixpoetry besprochen habe.

Marguerite Duras

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Wenn es das überhaupt gibt: ein Zentrum der Geschichte, dann ist es das Meer. Das Meer, aus dem wir hervorgegangen sind. Wassergeister. Undinen. Sirenen. Das uns ausgestoßen und an Land gespuckt hat.

Nach dem wir uns beständig (zurück) sehnen: Die Brandung, die Möwen, der Geruch.

Was um ein derartig (leeres) Zentrum herum entsteht, ist ein Fließen der Unmöglichkeiten, und wie sie sich manchmal aufheben für Momente. Begrifflos und leicht wie der Wind. Leicht und gewaltig. Nicht fassbar. Wie sie. Ihre Sprache. Ihr Gesicht. Bevor es zerstört ist. Bevor sie sagen kann: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Und das ist keine Behauptung.

Sondern das Zentrum der Geschichte.

Und die Zerstörung, das ist die Schönheit. Die Einzigartigkeit. Ein grausamer Zug, der die Gegensätze weder auslöscht noch vereinigt, sie vielleicht nicht einmal erträglich macht, ihnen nur die Klarheit, die Aufrichtigkeit einer kompromisslosen Beschreibung entgegensetzt.

Aufrichtigkeit als einziges Zentrum der Geschichte.

Wer könnte aufrichtiger sein als das Meer?

Oder ein zerstörtes Gesicht?

 

 

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