Die kleine Frau betrachtet ihre Hände

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Ein Dorf, abgeschnitten von allen anderen Dörfern.

Darin ein Haus.

Ein Fenster. Eine Tür.

Darin eine Frau.

Ein Schweigen.

Eine Landschaft.

 

Erst muss man überlaufen, dann kann man streichen.

Wege bahnen.

Fenster schließen, um eine Tür zu öffnen.

 

Die kleine Frau betrachtet ihre Hände.

Alles ist voller Gegenwart, sagt sie.

Also haltlos.

Und trotzdem haben wir Hände.

Und wissen im Grunde genau wofür.

[Wortschau. Der fröhliche Wortberg.]

 

Ricardo Menéndez Salmón – Medusa

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Das Leiden anderer betrachten (Susan Sontag),War Porn (Christoph Bangert) – Buchtitel der letzten zehn Jahre zum Thema Kriegsphotographie, die einem in den Sinn kommen, wenn man den Roman Medusa des spanischen Autors Ricardo Menéndez Salmón (Jg. 1971) aufschlägt. Ein Autor, der unbequem ist und sein will, und der sehr viel mehr Leser verdient als er bislang hat.

 

Atem

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Irgendwo in der Nähe ist eine Baustelle. Während ich zu arbeiten versuche, oder einfach nur vor mich hinstarre, höre ich diese Geräusche als wäre da draußen ein sehr großes Wesen, das verzweifelt zu atmen versucht.

Ziemlich grau der Himmel, schwer dahinter das Blau zu sehen. So wie mit all dem Offensichtlichen, schwer dahinter das Unsagbare zu finden, es, wenn schon nicht auszudrücken, doch auf irgendeine Weise sichtbar zu machen.

Weiß

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Striche, harte Schnitte

Durch den blauen Himmel ziehen

Mit unseren rostigen Wagenrädern

Rot bemalt unsere Wangen

Hohl und hungrig die gierigen Münder

Glaubten wir dem zu entgehen, was allen vorherbestimmt ist.

Die tagblaue Einsicht

Holte uns ein.

Im Nil badeten die Schnabeltiere

Komm schenk mir noch einmal ein

Vorbei ist kein Wort gegen das man sich auflehnen kann

Und deine Augen kein Ort

Zum verweilen

Der Mundschenk

Weißt du noch, wie ich dir von ihm erzählte

Du wolltest nicht zuhören

Du suchtest Trost

In tauben Ohren und vergessenen Gesten

Ich nahm es dir nicht übel

Und ging allein

Auf die Suche nach

Einem Stoff, der uns überleben könnte.

Ich fand den Schnee

Seine Stimme war weiß.

[500 Gramm]

 

Grau und grün.

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Der Verlust der Erwartungslosigkeit und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod.

Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt.

Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

 

 

Traum vom Meer

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Traum vom Meer - Isla volante

Traum vom Meer – Isla volante

Mit jeder Welle näherte ich mich der Ferne, dem Horizont, dem: es-gibt-kein-zurück. Die Möwen über mir spendeten mir Schatten, umkreisten mich ratlos und drehten ab. Ich ließ mich treiben, ich ruderte, ich verlor langsam das Ufer aus der Sicht. Noch ein paar Züge, dann versank ich so tief in meinem Traum vom Meer, dass nichts mehr in mein Bewusstsein drang.

Margaret Atwood

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DEINE KINDER HABEN SICH AM GLAS GESCHNITTEN…

 

Deine Kinder haben sich am Glas geschnitten,

beim Griff durch den Spiegel,

in dem der geliebte Mensch sich versteckte.

 

Du hattest damit nicht gerechnet:

Du glaubtest, sie suchten das Glück,

keine Schnittwunden.

 

Du glaubtest, das Glück

werde einfach erscheinen, ohne Mühe

oder sonstige Art von Arbeit,

 

wie ein Vogelruf,

eine Blume am Wegesrand

oder ein silbrig schimmernder Fischschwarm,

 

aber nun haben sie sich geschnitten

an der Liebe und weinen heimlich,

und deine eigenen Hände werden taub,

 

denn du kannst nichts tun,

denn du hast ihnen nicht gesagt nein,

denn du hast nicht gedacht,

du bräuchtest es,

und jetzt ist alles voller Scherben

und die Kinder stehen da, ertappt,

 

und greifen noch immer nach Monden und Echos,

nach Leere und Schatten,

genau wie damals du.

[aus: Die Tür, Berlin Verlag, 2014, übersetzt von Monika Baark]

Leuchten

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Es sind Angebote, die das Leben dir macht. Warum betrachtest du alles als Zumutung?, fragt er und sie leuchtet.

Ich glaube nicht, dass er dieses Leuchten wahrnehmen kann, das innere Licht. Ich glaube auch nicht, dass das etwas ist, das ihn interessiert. Sie ist weich und jung, und in seinen Augen hilfsbedürftig. Das ist, was ihn interessiert, was sie ihm bedeutet, und darum schlingt er seine Arme um sie, während er von oben auf sie herab sieht.

Und weder bemerkt, dass seine Finger überzählig sind, noch dass sie leuchtet.

[der Text verdankt sich einer Zeichnung von Dieter Motzel, das sich hinter dem Link im Text verbirgt]

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