Besitz

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Besitz - Isla volante

Besitz – Isla volante

Um mich herum Weite. Horizont. Müdigkeit. Auf einem weißen Schiff, wie von Marguerite Duras ausgedacht, steht die kleine Frau und winkt.

Was du siehst, wenn du die Augen schließt, gehört dir, hat meine Mutter mir immer wieder gesagt. Und ich habe ihr nie verraten, dass es das Meer ist, dessen Bild hinter meinen geschlossenen Augen auftauchte. Verlässlich und tröstend.

Wider die Natur

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Bei den poetischen Quellen war Tomas Espedal „verhindert“. Seine Übersetzerin und sein Verleger entschuldigten ihn und übernahmen das Gespräch mit Jürgen Keimer. Was nicht uninteressant war. Die Literaturszene in Norwegen scheint sich sehr grundsätzlich von der, wie wir sie kennen, zu unterscheiden. Norwegen fördert seine Literaten. So gibt es ein Gesetz, das vorschreibt, dass jede Neuerscheinung von allen Bibliotheken des Landes abgenommen werden muss, so dass die Verlage mit garantiert 1.000 bis 2.000 verkauften Exemplaren rechnen können. Darüber hinaus gibt es nicht nur eine Vielzahl von Stipendien, sondern sogar so etwas wie eine Art Leibrente für Autoren. Espedal hätte all die Förderung vermutlich jetzt gar nicht mehr nötig, denn seine Bücher verkaufen sich auch in Deutschland sehr gut.

Während mich die Passagen aus Gehen nicht wirklich einnehmen konnten, habe ich mir Wochen später doch noch „Wider die Natur“ gekauft und in einem Rutsch durchgelesen.

 

Spiegel

Auch hier finde ich diese Spiegelung, die mich unlängst in einem Text in „Lettre International“ so fasziniert hat, die Spiegelung der eigenen Geschichte mit einer Geschichte aus der Literatur. Espedal spiegelt seine Liebesgeschichte mit der von Heloise und Abelard.

Spiegel. Die Märchen sind voll von ihnen; Schneewittchen, der Splitter, der Kai ins Auge geflogen ist, Alice im Wunderland, die durch den Spiegel geht. Die Spiegel, die nach einem alten Brauch verhängt werden, mit schwarzen Tüchern abgedeckt, wenn jemand stirbt.

Was geschieht beim Blick in den Spiegel? Und welchen Unterschied macht die Spiegelung der eigenen Geschichte mit der eines anderen (die ja schon abgeschlossen ist)? Ist das der Versuch, durch den Spiegel zu gehen, oder vielmehr eine Art das eigene Bild zu überdecken mit dieser anderen Geschichte?

 

Oder die Spiegelung in der Mathematik. An der Achse, genau die selben Linien, nur seitenverkehrt.

 

Die Bilder, die man sich macht. Und das, was einem dieses kalte, glatte Ding widerspiegelt.

 

Scherben

 

Espedal schreibt über die erste Vereinigung von Heloise und Abelard:

 

[...] und sie schreit auf und ruft laut, als sie in die Luft geschleudert wird; sie stürzt und fällt, kullert kopfüber herum und wird an eine Wand geschleudert, an der ihre Kindheit zerbirst.“

 

Als wenn erst die Scherben uns erkennen lassen, welchen Schatz wir besessen haben. Ist es das, was Botho Strauß meint, wenn er schreibt, wir müssten langsam (jahrelang, jahrzehntelang) in unsere Erinnerungen hereinwachsen?

 

Was ist das: Liebe? Wie verhält es sich mit der Macht, die in Ohnmacht umschlägt, weil man alles in die Hände eines anderen legt?

Weil man diesen Widerspruch überwinden will, diese ewig voraussetzungsvolle Verantwortung für das eigene Leben abgeben will, oder wenigstens teilen.

 

Wechsel

 

Dieser Wechsel aus Phasen, in denen man sich beobachtet wie einen Fremden, in denen die Erinnerungen ein Film sind dessen Hauptdarsteller nur zufällig aussieht, wie man selbst, und den Momenten, in denen man deutlich spürt, dass es keine Trennung gibt zwischen Beobachter und Akteur. Das Bild im Spiegel bin ich.

Wie die (für so unverrückbar feststehend gehaltenen) Standpunkte sich ändern, teilweise ins Gegenteil wenden, und das ist dann Ausdruck von Identität.

Was das mit Liebe zu tun hat. Mit Macht. Mit der Entscheidung, etwas zuzulassen. Sich auszusetzen. Hinzugeben. An was auch immer. An eine namenlose Macht, die größer ist als das, was wir im Spiegel sehen, von dem wir glauben, dass es uns bezeichnet.

 

Von einem fremden, weit entfernten Glück lesen und spüren, wie sich der Körper an eigenes, vergangenes Glück erinnert.

 

Nicht über sich sprechen können, keine Fragen stellen. Aus Angst vor Übertretungen. Vor dem Hintergrund dieser Überzeugung, dass man selbst so etwas ist, wie eine Übertretung. Ein Versehen. Nur aus Versehen (und überflüssigerweise) hier. Ohne Berechtigung. Ohne Strahlkraft. Und jetzt auch noch alt.

 

Die Aufrichtigkeit, die im Nachgeben liegen kann, dem Schmerz, dem Selbstmitleid, dem nicht einmal eine bändigende Form angetan wird, das sich einfach so artikulieren darf wie es ist, so stammelnd, zusammenhanglos, enervierend in seinen Wiederholungen und Engführungen der Perspektive.

Nur Mitleid habe ich beim Lesen nie empfunden, lediglich bemerkt, dass ich so, auf diese Art, nie gelitten habe.

 

Die Zeit gerinnt zu Blasen, in denen sich die Erinnerung sammelt.

 

 

Die kleine Frau betrachtet ihre Hände

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Ein Dorf, abgeschnitten von allen anderen Dörfern.

Darin ein Haus.

Ein Fenster. Eine Tür.

Darin eine Frau.

Ein Schweigen.

Eine Landschaft.

 

Erst muss man überlaufen, dann kann man streichen.

Wege bahnen.

Fenster schließen, um eine Tür zu öffnen.

 

Die kleine Frau betrachtet ihre Hände.

Alles ist voller Gegenwart, sagt sie.

Also haltlos.

Und trotzdem haben wir Hände.

Und wissen im Grunde genau wofür.

[Wortschau. Der fröhliche Wortberg.]

 

Ricardo Menéndez Salmón – Medusa

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Das Leiden anderer betrachten (Susan Sontag),War Porn (Christoph Bangert) – Buchtitel der letzten zehn Jahre zum Thema Kriegsphotographie, die einem in den Sinn kommen, wenn man den Roman Medusa des spanischen Autors Ricardo Menéndez Salmón (Jg. 1971) aufschlägt. Ein Autor, der unbequem ist und sein will, und der sehr viel mehr Leser verdient als er bislang hat.

 

Atem

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Irgendwo in der Nähe ist eine Baustelle. Während ich zu arbeiten versuche, oder einfach nur vor mich hinstarre, höre ich diese Geräusche als wäre da draußen ein sehr großes Wesen, das verzweifelt zu atmen versucht.

Ziemlich grau der Himmel, schwer dahinter das Blau zu sehen. So wie mit all dem Offensichtlichen, schwer dahinter das Unsagbare zu finden, es, wenn schon nicht auszudrücken, doch auf irgendeine Weise sichtbar zu machen.

Weiß

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Striche, harte Schnitte

Durch den blauen Himmel ziehen

Mit unseren rostigen Wagenrädern

Rot bemalt unsere Wangen

Hohl und hungrig die gierigen Münder

Glaubten wir dem zu entgehen, was allen vorherbestimmt ist.

Die tagblaue Einsicht

Holte uns ein.

Im Nil badeten die Schnabeltiere

Komm schenk mir noch einmal ein

Vorbei ist kein Wort gegen das man sich auflehnen kann

Und deine Augen kein Ort

Zum verweilen

Der Mundschenk

Weißt du noch, wie ich dir von ihm erzählte

Du wolltest nicht zuhören

Du suchtest Trost

In tauben Ohren und vergessenen Gesten

Ich nahm es dir nicht übel

Und ging allein

Auf die Suche nach

Einem Stoff, der uns überleben könnte.

Ich fand den Schnee

Seine Stimme war weiß.

[500 Gramm]

 

Grau und grün.

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Der Verlust der Erwartungslosigkeit und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod.

Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt.

Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

 

 

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